Unser künstlerischer Leiter Kristian Bezuidenhout stellte im November 2019 ein gänzlich britisches Programm mit Werken der beiden Gallionsfiguren Henry Purcell und Georg Friedrich Händel vor. Doch was genau macht britische Musik eigentlich im Vergleich zur Musik des Festlandes aus? Dieser Frage möchten wir im Rahmen dieser Konzerte nachgehen.

Deutscher Kontrapunkt, italienische Oper, französische Ballette – die sprichwörtliche musikalische Landkarte des europäischen Barocks kennt klare Definitionen. Jede Nation hatte ihre eigene, mehr oder weniger international erfolgreiche, kompositorische Disziplin. Für England verhält sich dies anders: eine „Nationalgattung“ scheint es in jener Epoche im Inselkönigreich nicht zu geben. Das hat einen ganz einfachen und kurzen, aber umso folgenreicheren Grund, der in politischen Historie begründet liegt.

Bis ins 17. Jahrhundert hinein konnte England eine blühende Musiklandschaft vorweisen, in der vor Allem die Gattungen der Motette, der Consort-Musik und des Lautenliedes gedeihten. Eine jähe Zäsur brachten jedoch die Bürgerkriege zwischen den Parlamentariern und den Royalisten, die erstere für sich entscheiden konnten – und die mit der Hinrichtung König Charles I. blutig endeten. Es folgte das „Commonwealth of England“ unter der Herrschaft von Oliver Cromwell, der alle öffentlichen Theater und somit auch Musikaufführungen untersagte. Als im übrigen Europa die Musiklandschaft blühte und gerade auf dem Gebiet der Oper und der Instrumentalmusik immer neue Wege beschritten wurden, lag das englische Musikleben in Zeiten der Republik brach. Erst die Restauration der Monarchie und die Thronübernahme durch Karl II. 1660 sollten dies wieder ändern. Die Theater wurden wieder geöffnet und das Publikum gierte nach spektakulärer Unterhaltung. So kamen viele Musiker aus Italien und Frankreich nach England, prägten die dortige Musikszene und bildeten einheimische Musiker aus, z.B. Pelham Humfrey oder Matthew Locke. Von diesen lernte wiederum Henry Purcell sein kompositorisches Handwerk und wurde dadurch zum führenden Komponisten Englands. In seinem Stil vereinen sich französische und italienische Elemente, die er zu einem individuellen Kompositionscharakter verbinden konnte. Besonders seine Anthems und Oden gelten als herausragende Beispiele englischer Musik, während sich seine Opern an den Vorbildern des Kontinents orientieren. Mit der Ankunft Händels in London im Jahre 1711 gewann die Oper nach italienischem Gusto letztendlich die Oberhand. Doch Händel besann sich gleichsam auf die Werke seines 11 Jahre zuvor verstorbenen Kollegen und widmete sich ebenso intensiv der Komposition von Anthems und Oden, die inzwischen als musikalisches Nationalheiligtum galten.

An einigen Beispielen verfolgt Kristian Bezuidenhout im Rahmen dieses Konzertprogrammes genau diesen Wandel von der Musik Purcells zur Musik Händels, mit Gattungen, die in England in jener Zeit mehr als populär waren. Wie stark das Vorbild Purcells noch auf Händel wirkte ist nur ein Aspekt in dieser historisch spannenden Konzertdramaturgie.