Mythos Messiah

Er ist das bekannteste Oratorium der Musikgeschichte, vielleicht sogar die berühmteste Vokalkomposition überhaupt: Georg Friedrich Händels Messiah. Kein anderes Werk kann auf eine solch ungebrochene Rezeptionsgeschichte zurückblicken.
Was ist das Geheimnis dieses Meisterwerks, über das sich selbst Carl Friedrich Zelter und Johann Wolfgang von Goethe den Kopf zerbrachen?

Dieser Frage gingen unzählige Gelehrte und Musiker in ebenso unzähligen Artikeln, Büchern und Vorträgen nach. Freilich lässt sich der Mythos Messiah nicht gänzlich erklären, aber man kann sich ihm – wenn man die verschiedenen Komponenten, die zu diesem einzigartigen Wurf führten, betrachtet – zumindest annähern. Eine Bestandsaufnahme:

Ein extravaganter Junggeselle

Händels herausragendes kompositorisches Können verstellt sehr häufig den Blick auf eine weitere Person, die maßgeblich am Erfolg des Messiah beteiligt war: Charles Jennens, der die textliche Grundlage des Oratoriums aus Bibeltexten zusammenstellte. Jennens wurde im Jahre 1700 auf dem stattlichen Anwesen seines Vaters (ein Betreiber mehrerer Eisenmanufakturen) in Leicestershire geboren und studierte ab 1716 am Balliol College in Oxford, das er jedoch ohne Abschluss verließ. Da ihm öffentliche Ämter aufgrund seiner streng anglikanischen Glaubensauslegung und seiner Anhängerschaft der Stuart-Monarchie verwehrt blieben, investierte er den Großteil seines Vermögens in Kunst und Musik, sodass er von Zeitgenossen als extravagant bis melancholisch beschrieben wurde. Im mittelbaren Umfeld Händels taucht Jennens’ Name erstmals 1725 auf, als er für eine Partitur von Händels Rodelinda subskribierte. Ab jenem Zeitpunkt abonnierte er jede Opernausgabe Händels und verkehrte mit zahlreichen Verehrern des Komponisten. Im Jahre 1735 übersandte Jennens, der sich umfangreich mit religiösen Themen beschäftigte und ein großes literarisches Wissen besaß, Händel erstmals ein selbst verfasstes Libretto, das dieser 1739 zum Oratorium Saul ausarbeitete. So begann eine äußerst fruchtbare und erfolgreiche Zusammenarbeit, in deren Rahmen ferner Belshazzar, Messiah, L’Allegro, Il Penseroso ed il Moderato und vermutlich auch Israel in Egypt entstanden.

Die Beziehung zwischen Händel und Jennens ging weit über eine professionelle Freundschaft hinaus und bot Anlass zu allerlei dubios-schlüpfrigen Spekulationen, die keinesfalls zu beweisen sind. Jennens’ Einfluss auf Händel war jedoch zweifelsohne enorm und er konnte manch-mal sogar aktiv in die musikalische Ausarbeitung der Oratorien eingreifen.

Der Niedergang der Oper

Bis in die 1730er Jahre hinein war die Oper nach italienischem Vorbild die beliebteste musikalische Unterhaltung des Londoner Publikums und Händel deren beinahe unangefochtene Galionsfigur. Doch eine Reihe unvorhersehbarer Umstände zwangen den Komponisten zum Überdenken seines Selbstverständnisses als Opernkomponist und -unternehmer. In der Spielzeit 1727/28 fand Händels neunte Opernsaison an der Royal Academy of Music statt, die zugleich die Letzte sein sollte. Von Beginn an war die Academy unterfinanziert, ein Problem, das steigende Gagen für allürenanfällige Kastraten und zankende Primadonnen zusätzlich verschärften. Trotzdem komponierte Händel in diesem Zeitraum noch drei neue Opern (Riccardo I., Siroe und Tolomeo.) 1741 sollte sein letzter Beitrag zur italienischen Oper, Deidameia, öffentlich erklingen.

Die Genesis des Messiah

Nachdem Händel die Spielzeit 1741 beendet hatte, plante er keine weiteren Opernsaisonen mehr, stattdessen erreichte ihn eine Einladung vom irischen Vizekönig William Cavendish, im Winter 1741/42 eine Reihe von Konzerten in Dublin zu geben. Nur wenige Wochen zuvor versuchte Händels nunmehriger Freund Jennens ihn zu  überreden, sein neuestes Libretto zu vertonen, den Messiah. Dabei hoffte er, dass der Komponist sein „ganzes Können und seine Begabung aufwenden würde“, und dass „das Werk alle bis dahin geschriebenen Werke überstrahlen werde“.

Händel zögerte nicht lange und sagte sowohl Cavendish als auch Jennens zu, wobei er wahrscheinlich bereits insgeheim im Sinn hatte, den Messiah als großes Abschlusskonzert in der irischen Hauptstadt aufzuführen, worüber er Jennens aber nicht in Kenntnis setzte. Jennens selbst plante eine Uraufführung zu Händels eigenem Profit in der Fastenzeit. Händel begann mit der Komposition am 22. August 1741 und stellte diese in atemberaubender Geschwindigkeit bis zum 12. September 1741 fertig.

Wie so häufig griff er während der Komposition auf bereits vorhandenes Material zurück: die Chöre „For unto us a child is born“, „All we like sheep“, „His yoke is easy“, „And he shall purify“ basieren auf italienischen Kammerduetten aus demselben Jahr, ebenso das Duett „O death, where is thy sting“; das thematische Material zu „Let all the angels“ stammt aus einer Canzona von Johann Caspar Kerll. Nach der Fertigstellung des Messiah verfasste er die ersten beiden Akte seines Samsons und verließ London in Richtung Dublin Anfang November, wo er ca. zwei Wochen später ankam – im Gepäck den Messiah. Seine eigene Orgel hatte er bereits vorausschicken lassen.

Der Messiah zwischen Dublin und London

Zwischen dem 23. Dezember 1741 und dem 7. April 1742 gab Händel in Dublin insgesamt zwölf Konzerte in der frisch eröffneten „Great Musick Hall“ in der Fishamble Street.  Am 9. April fand eine öffentliche Generalprobe statt, der jeder beiwohnen konnte, der auch ein Premierenticket besaß. Dass die Generalprobe öffentlich stattfand ist ein Indiz dafür, mit welch großer Spannung die Uraufführung erwartet wurde – und die Zuhörer sollten nicht enttäuscht werden.

Die rund 700 Zuhörer der Premiere bedachten den Messiah mit frenetischem Applaus; die Kritiken waren durchwegs herausragend. Der überwältigende Erfolg des Oratoriums wurde auch in London vernommen und Jennens zeigte sich über die Maßen enttäuscht, dass die Premiere fernab der Hauptstadt ohne sein Beisein stattgefunden hatte. Zurück in London plante Händel die kommende Konzertsaison und setzte zunächst Samson und L’Allegro, Il Penseroso ed il Moderato auf den Spielplan. Erneut erboste er damit Jennens, der dem Komponisten Nachlässigkeit in Sachen Messiah vor-warf. Händel entschied sich letztendlich doch dafür, den Messiah am 23. März 1743 aufzuführen – mit geteiltem Echo. Ein Teil des Publikums war sogleich hingerissen, der andere Teil stand der Komposition ablehnend gegenüber. Diese Ablehnung kam vor allem aus den Rängen puritanischer Theologen, die die Darstellung eines „religiösen Aktes“ auf der Konzertbühne als blasphemisch deklarierten. Zeitgleich konnte Charles Jennens seinen Ärger nun nicht mehr verbergen. Er hielt die religiösen Diskussionen um die Aufführung zwar für eine „Farce“, konnte aber der Komposition wenig abgewinnen. Im Großen und Ganzen hielt er das Werk für gelungen, einige Stellen erschienen ihm aber schwach. Außerdem lehnte Händel einige Änderungsvorschläge ab, woraufhin ihn Jennens als „dickköpfig“ und „träge“ beschimpfte.

Eine Tradition entsteht

Nachdem der Messiah mit verhaltener Resonanz dreimal in London aufgeführt worden war, nahm Händel ihn für zwei Jahre vom Spielplan und arbeitete ihn (nun nach den Vorgaben Jennens’) geringfügig um. Aber auch die Wiederaufnahmen des Oratoriums in den Jahren 1745 und 1749 brachten nicht den erhofften Erfolg. Dieser sollte sich erst am 1. Mai 1750 einstellen, als Händel das Oratorium erneut als Benefizkonzert aufführte, diesmal in der Kapelle des Foundling Hospital, also erstmals in einem Kirchenraum. Weshalb der Messiah in London nun plötzlich doch geschätzt wurde, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Fest steht, dass diese Aufführung den Dubliner Erfolg übertraf, indem Händel diesmal 2000 Zuhörer erreichen konnte. Mit diesem denkwürdigen Konzert begann die Tradition, das Oratorium jährlich im Foundling Hospital aufzuführen.

Konzerttermine

09.12.2019 | Freiburg
11.12.2019 | London
12.12.2019 | Bern
13.12.2019 | Genf
31.12.2019 | Freiburg
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