Die beiden letzten Projekte mit französischer Barockmusik, „À la française“ mit Sandrine Piau und Plamena Nikitassova sowie Jean-Philippe Rameaus Oper „Hippolyte et Aricie“ unter Sir Simon Rattle, waren nicht nur äußerst erfolgreich, sondern machten unseren Musikerinnen und Musikern auch enormen Spaß. So entschlossen wir uns, in der Saison 2019/20 gleich noch einmal dem prachtvollen, französischen Barock zu frönen, diesmal unter der Leitung der französischen Geigerin Amandine Beyer.

Die Musik im absolutistischen Frankreich hatte vor allem einen Zweck: Repräsentation. Dies war zwar in den übrigen europäischen Ländern nicht anders, aber Frankreich führte diese Disziplin zur Meisterschaft.

Nachdem der Adel während der Fronde und unter den Ränkespielen von Kardinal Mazarin seine Macht nahezu vollständig verloren hatte, konzentrierte sich alles auf den Königshof in Versailles – der Hochadel war zu einem Hofadel verkommen. Während die Fürsten in den übrigen Ländern allesamt eigene Hofkapellen unterhielten und es in jeder Residenzstadt ein mehr oder weniger herausragendes Orchester gab, lag die Musikszene in den französischen Provinzen mehr oder weniger brach. Die Musikpflege in Versailles (oder in Paris) strahlte indessen weit über die Landesgrenzen hinaus.

Die musikalischen Belange bei Hofe unterstanden einem präzisen Reglement. Die „Musique de Roi“ war in vier Bereiche aufgeteilt: Die „chapelle“ war für die Kirchenmusik zuständig, für die Kammermusik war die „chambre“ verantwortlich, militärmusikalische Angelegenheiten oblagen dem „maison militaire“ und die „écurie“ kümmerte sich um die Musik in den Stallungen. Alle Musiker dieser vier Sparten hatten je nach Anlass für den König aufzuspielen. Etwas irreführend mag die Bezeichnung „musique de la chambre“ sein, denn diese war mitnichten nur für die wortwörtliche Kammermusik zuständig, sondern hatte auch bei den ausufernden Aufführungen von Balletten, Serenaden, Kantaten und Opern aufzuspielen. Außerdem mussten die „Kammermusiker“ auch die wöchentlichen „appartements“ gestalten, bei denen es sich um prachtvoll ausgestattete Unterhaltungsabende für den Hofadel handelte.#

Im musikalischen Zentrum standen die „Vingtquatre violons du Roi“, jenes berühmte, fünfstimmige Streicherensemble, das in ganz Europa Nachahmer fand. Ihm stand die kleiner besetzte „Petite Bande“, gegründet von Jean-Baptiste Lully, gegenüber. So konnte der Sonnenkönig stets auf mindestens 40 Streicher zurückgreifen, 40 weitere Bläser entstammten der „musique de l’écurie“ mit ihren Trompeten, Flöten, Hörnern, Musetten u.v.m.

In Versailles erklang im Grunde ständig Musik: Dreimal wöchentlich fanden Ballett- oder Opernaufführungen statt; montags, mittwochs und donnerstags wurden die bereits erwähnten „appartements“ gegeben – der Adel hatte dabei stets Anwesenheitspflicht.

Unser Konzertprogramm „L’Europe galante“ widmet sich den berühmten, prächtigen Opernaufführungen und kombiniert einige Opernsuiten verschiedener Komponisten, die in der Zeit des französischen Absolutismus den König mit ihren Werken erfreuten.

Wenngleich das FBO nicht mit 80 Instrumentalisten die Bühne füllt, kann das Publikum doch einen aufschlussreichen Einblick in die luxuriöse Musikpflege am Hof des Sonnenkönigs und seines Nachfahren Ludwig XV. erhalten, ganz nach dem Motto: „Vive le Roi, vive la musique!“