Den Abschluss unseres Beethoven-Sinfonien-Zyklus’ unter der Leitung von Gottfried von der Goltz bildet die 7. Sinfonie op. 92. Ihr wird in der ersten Konzerthälfte die Ballettmusik zu „Die Geschöpfe des Prometheus“ op. 43 gegenübergestellt. Was haben die beiden Werke mit Napoleon zu tun und aus welcher Blickrichtung beleuchten sie den Feldherrn? 

Der antike Mythos um den Titanen Prometheus war in Zeiten der Aufklärung, besonders während und nach der französischen Revolution, überaus populär. Die damaligen Dichter, Denker und Philosophen sahen in Prometheus eine fiktive Galionsfigur, die die Menschheit aus ihrer Knechtschaft des Adels und des Klerus’ befreit.

Nach der Terrorherrschaft des Wohlfahrtsausschusses und der Machtübernahme Napoleons feierten weite Teile der europäischen Bevölkerung den korsischen General als den leibhaftigen Prometheus, der Europa befreien und demokratisieren werde. Dieser Euphorie schloss sich auch Ludwig van Beethoven an und komponierte 1800/01 das Ballett Die Geschöpfe des Prometheus.

Der genaue Entstehungshintergrund des Balletts lässt sich nicht mehr rekonstruieren, doch kann durch die Wahl des Sujets eine direkte Verbindung zu Napoleon Bonaparte gezogen werden. Die textliche Grundlage des Balletts bildet das Gedicht „Il Prometeo“ aus der Feder des italienischen Dichters Vincenzo Monti. Dieser spricht Napoleon im Vorwort zu seinem Werk direkt an: „Dedica al cittadino Napoleone Bonaparte Comandante supremo dell’Armata d’Italia“. Es gilt als gesichert, dass Salvatore Viganò, Ballettmeister in Wien, das Gedicht während eines Aufenthaltes in Florenz 1798 kennenlernte. Nach seiner Rückkehr nach Wien 1799 suchte Viganò umgehend Beethoven auf, um ihn um ein Ballett zu diesem Gedicht zu bitten. Allem Anschein nach machte sich der Komponist sogleich an die Arbeit, denn sein Skizzenbuch belegt, dass Beethoven bereits Anfang 1800 mitten im Kompositionsprozess steckte. Die Uraufführung erfolgte dann 28. März 1801 am Wiener Hofburgtheater.

Bemerkenswert ist ferner, dass Beethoven mit der Wahl dieses Mythos’ vermutlich an den Erfolg von Haydns Schöpfung anknüpfen wollte. Haydn selbst war Gast der Premiere und soll (einer Anekdote zufolge) Beethoven auf der Straße angesprochen haben: „Nun, gestern habe ich Ihr Ballett gehört, es hat mir sehr gefallen“, worauf Beethoven erwiderte: „O, lieber Papa Haydn, Sie sind sehr gütig, aber es ist noch lange keine Schöpfung.“

Insgesamt 29 mal wurde das Ballett in der Spielzeit 1801/02 in Wien gegeben – eine enorme Anzahl an Aufführungen. Nur zwei Jahre später ließ sich Napoleon Bonaparte, das Vorbild des Balletts, zum Kaiser krönen. Als Beethoven von der Kaiserproklamation erfuhr, bemerkte er resigniert und enttäuscht: „Ist er auch nicht anders wie ein gewöhnlicher Mensch! Nun wird er auch alle Menschenrechte mit den Füssen treten, nur seinem Ehrgeiz frönen. Er wird sich nun höher als alle anderen stellen, ein Tyrann werden.“

Der Euphorie folgte Ernüchterung und im Folgenden distanzierte er sich gänzlich von den Entwicklungen des nunmehrigen Diktators. Bei der Uraufführung der 7. Sinfonie am 8. Dezember 1812, deren Partitur er am 12. März 1812 begann niederzuschreiben, erklang ferner das sinfonische Schlachtengemälde Wellingtons Sieg. Es ist kein Zufall, dass Beethoven seine 7. Sinfonie aus ­ gerechnet mit jener sinfonischen Dichtung kombinierte, die eine Schlacht darstellt, in der die französischen Truppen als Verlierer vom Platz gingen.

Hinzu kommt, dass die Uraufführung einen Monat nach der Völkerschlacht von Leipzig stattfand, und dass es sich dabei um ein Benefizkonzert zugunsten antinapoleonischer Kämpfer handelte. So bilden das Ballett und die 7. Sinfonie zwei Antipoden, die die Ent ­ wicklung von napoleonischer Verehrung zu dessen völliger Ablehnung musikalisch nachzeichnen.

 

12.02.2020: Freiburg Konzerthaus

24.04.2020: Regensburg Odeon Concerte