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Musizierlaune und spürbare Lust an Mozart Kritik zum Konzert des FBO unter René Jacobs am 5.11.2008 im Konzerthaus Freiburg Badische Zeitung vom 7.11.2008 – von Alexander Dick
Mozart zugunsten eines Klimaprojekts in Nicaragua? Ein Benefizkonzert des Freiburger Barockorchesters unter Stardirigent René Jacobs zum Auftakt der Freiburger Klimakonferenz macht’s möglich. Es ist ein großer Musiktheaterabend – ohne Sänger. Nämlich ein „imaginärer“, wie die beiden Dirigenten Nikolaus Harnoncourt und René Jacobs in übereinstimmender Einschätzung der musikdramatischen Qualität von Mozarts Instrumentalmusik sagen würden. Und einer, der einem für Momente suggeriert, zur verloren gegangenen Einheit von Maß und Wert, Mensch und Natur über die musikalische Harmonie zurückzufinden. Was Besseres hätte man sich wünschen wollen zum Auftakt der Freiburger Klimakonferenz? Das Benefizkonzert mit dem Freiburger Barockorchester (FBO) unter René Jacobs im ausverkauften Konzerthaus ist gleichwohl kein bequemes. Man hört drei Mozart-Meisterwerke, drei Hits, die man in- und auswendig zu kennen glaubte, mit teilweise ganz anderen Ohren. Denn sowohl die beiden Sinfonien Nr. 39 Es-Dur und 40 g-Moll, als auch das wohl berühmteste seiner großen Violinkonzerte, das in A-Dur, warten mit Überraschungen auf. Da fühlt man sich wie in einem historischen Bauwerk, das nach seiner Generalsanierung durch ungewöhnliche Farben auch ein Stück weit verstört, weil das Vertraute einem Anderen, Unbekannten, Neuen weichen musste. Beispiel Tempi: Das Menuett der Es-Dur-Sinfonie von 1788 wirkt wie ein komplett anderes Stück. Das „Allegretto“ ganz wörtlich genommen, schwingt sich vom Deutschen Tanz im (Klarinetten)Trio zum Bauernwalzer auf – ein eindeutiges Signal, gut ein Jahr vor Ausbruch der französischen Revolution… Beispiel Verzierungen, Vorschläge etc.: Für Aha-Effekte sorgen Jacobs und das FBO etwa im Orchestervorspiel des Violinkonzerts, wo das Seitenthema entgegen aller Aufführungstradition mit einem kurzen Vorschlag eingeleitet ist – im Hinblick auf die Notation nicht unlogisch. Und noch ein Beispiel, vielleicht das „ohrenfälligste“: die Behandlung des Kontrapunkts, der Verknüpfung der Stimmen untereinander. Auch da hört man vieles anders, deutlicher heraus, etwa die so traurig mahnenden, „gesungenen“ Klarinetten/Fagottseufzer im Schlusssatz der Es-Dur-Sinfonie – ein Nachhall aus dem wenig vorher entstandenen „Don Giovanni“? Die Musizierlaune, die spürbare Lust an Mozart macht die Interpretationen des Erfolgsgespanns Jacobs/FBO so wertvoll, auch wenn ein paar Konditionsschwächen (wie bei der Zugabe, dem virtuos musizierten „Pas seul“ aus „Idomeneo“) aufgrund des vorausgegangenen Plattenaufnahmestresses nicht ausbleiben. Das gilt auch für den Solisten, Gottfried von der Goltz, der es sich nicht nehmen lässt, im Wechsel mit Petra Müllejans als Stimmführer bei den Sinfonien aufzutreten. Sein silberner, manchmal fast zerbrechlicher Violinton, sein untrügliches Gespür für artikulatorische Raffinesse und nicht zuletzt seine klugen Kadenzen mit Themenquerverweisen geben dem Klanggebäude einen alternativen Anstrich. Der Klimawandel ist auch bei Mozart angekommen. |
